Hintergrund
PILGERN
Wenn der Weg das Ziel ist!
Immer mehr Menschen begeben sich auf den Jakobsweg oder andere Pilgerpfade. Um unterwegs inne zu halten und neue Kräfte zu schöpfen. A&W-Sinnesexpertin Marion Vorbeck ging auch und gibt deshalb Anregungen.
Diese Sehnsucht bewegt die Menschen schon lange: Auszubrechen und aufzubrechen. Neue Wege zu suchen, den Alltag hinter sich zu lassen für geraume Zeit und mit gestärktem Körper, Seele, Geist und Glauben wieder zurückzukehren. Mindestens seit dem neunten Jahrhundert gehören Pilgerreisen zu den Höhepunkten im Leben. In der from- men Zeit des Hochmittelalters machte sich ein Viertel aller Europäer auf zu nahen oder fernen Heiligtümern, die an das irdische Leben Jesu, der Muttergottes oder von Heiligen erinnerten. Göttliche Kräfte, so der Glaube, wirken an eben diesen Orten besonders stark. Und diesen nähert man sich in Demut auf festgelegten Pilgerpfaden. Anders als bei einer Wallfahrt, die eher in traditionellreligiösem Rahmen mit einer Gruppe Gläubigen stattfindet, sind Pilger meist individueller und oft auch alleine unterwegs. „Europa ist auf der Pilgerschaft geboren, und das Christentum ist seine Muttersprache“, stellte schon der reisefreudige und kontemplationswillige Johann Wolfgang von Goethe fest.
Wer vom Pilgern spricht, kommt am Jakobsweg in Galicien zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus nicht vorbei, der den Wanderer auf verschiedenen Routen endlich in Santiago de Compostela erlöst. 1993 gar als Weltkulturerbe der UNESCO gewürdigt, ist er in der westlichen Welt einer der prominentesten aller historischen Wallfahrtspfade. Die Grabstätte hatte sich bereits im Mittelalter neben Jerusalem und Rom zum dritten Hauptziel der christlichen Pilgerfahrt entwickelt. Ein ebenfalls beliebter Pilgerweg, die Via francigena, führt von Canterbury, dem Zentrum der Anglikanischen Kirche Englands, über Frankreich und die Schweiz zum Petersdom nach Rom. Diese Routen wiederum sind mit Jerusalem verbunden; zusammen mit den verschiedensten Pfaden zu den Hauptwegen ziehen sie ein Netz historischer Pilgerwege über ganz Europa.
Zwar war der Aspekt des Sozialen, einer von Begegnung und Austausch geprägten Reise, von Bildung und Selbsterfahrung schon immer wichtig – heute ist er jedoch weit mehr in den Vordergrund getreten. Auch wenn ihr Reiseziel ein traditionell-religiöses ist wie etwa Santiago de Compostela, sind Glaubensmotive für viele Wanderer längst kein Beweggrund mehr für eine Pilgerreise. Der Mensch des 21. Jahrhunderts sucht die Entschleunigung, eine Auszeit im mehr oder weniger spirituellen Wandern, von der er sich neue Kraft und Inspiration verspricht. In einer Welt voller vermeintlicher Freiheiten tut es gut, einen vorbestimmten Weg zu gehen mit festgelegten Stationen, auf denen innegehalten, gebetet oder Gottesdienste gefeiert werden. Mehr oder weniger literarisch wertvoll festgehalten, haben ihre Erfahrungen unterwegs Entertainer Hape Kerkeling, Paulo Coelho oder Cees Noteboom, Papst Johannes Paul II. war ebenfalls „mal weg“, ebenso die Schauspielerin Jane Fonda. Und wer mal schwächelt auf dem Pilgerweg, den spornt vielleicht eine ganz weltliche Aussicht an: Längst gilt bei Spaniern und Franzosen die Urkunde Compostela als dickes Plus in den Bewerbungsunterlagen – beweist sie doch Durchhaltevermögen, Teamgeist und den Blick des Aspiranten über den Tellerrand des täglichen Einerleis.
A&W-GEWINNSPIEL
Unter allen Einsendungen …
… mit dem Stichwort „Pilgern“ verlosen wir anregenden Lesestoff zu diesem Thema. Das Teilnahmeformular finden Sie auf der A&W-Homepage unter www. auw.de/gewinnspiel. Einsendeschluss ist der 15. Juni 2011. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
1. bis 3. Preis: Im Du- Mont Bildband Faszination Pilgern (Wert je 30,80 Euro) nimmt Autor Olivier Calon den Leser mit auf eine spirituelle Reise. Er stellt Städte, Pilgerstätten, Routen und Heilige verschiedener Religionen vor und erzählt von der Suche nach der eigenen Identität und vom Sinn des Teilens. Der reich bebilderte Band zeigt nicht nur die schönsten Pilgerrouten der Welt, sondern auch die Pilger selbst – zwischen Freude, Grenzerfahrung und Läuterung.
4. bis 6. Preis: Auch in Deutschland gibt es zahlreiche reizvolle Wege, die zum Entdecken einladen, beweist Tassilo Wengel mit seinem Buch Jakobswege in Deutschland (Bruckmann Verlag, Wert je 29,95 Euro). Er bringt dem Leser die zehn schönsten Jakobswege von der Via Baltica im Norden bis zum Münchner Jakobsweg im Süden nahe und gibt hilfreiche Tipps zu Herbergen, Kunst und Kulinarischem, damit auch die Wanderpausen zum großen Erlebnis werden.
A&W-KOMPAKT
Beispiele historischer Pilgerwege
- Die Via Francigena führt von Canterbury über Frankreich und die Schweiz in 80 Etappen insgesamt 1.650 Kilometer über Lucca und Siena bis nach Rom;
- Der Jakobsweg, von den Pyrenäen zum Jakobsgrab in Santiago de Compostela, verbindet die Königsstädte Jaca, Pamploma, Estella Burgos und León;
- Die Ruta de la Plata führt von Sevilla bis Santiago de Compostela;
- Der Camino a Fisterra ist die historische Verlängerung des Jakobsweges von Compostela durch die Provinz A Coruna bis ans Kap Finisterre.
- Der Franziskusweg berührt die wichtigsten Stätten auf der Pilgerreise des Franz von Assisi vor 800 Jahren von Florenz zu Roms Lateranbasilika.
A&W-KOMPAKT
Beispiele regionaler Pilgerrouten
- Der Bonifatiusweg beginnt in Hochheim am Main und führt über Frankfurt über Wetterau und den Vogelsberg nach Fulda in Nordhessen;
- Der Wendelinusweg zieht sich durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen von Görlitz nach Vacha. Die Route bietet als einziger deutscher Pilgerweg ein komplettes Herbergssystem;
- Der Ökumenische Pilgerweg geht von Görlitz über Bautzen, Kamenz, Leipzig, Merseburg, Naumburg, Erfurt, Gotha, Eisenach nach Vacha. In Fulda schließlich berührt man das Netz des Jakobsweges nach Westen;
- Zur Klosterruine Disibodenberg bei Mainz, wo Hildegard von Bingen wohnte, wandert man im Glantal den Hildegardweg Richtung Staudenheim.
A&W-TIPP
Frauenpilgerweg
Der Egeria-Weg ist ein ökumenischer Weg zu den Pilgerstätten der Nonne Egeria. Sie war von ihrer Heimat Galicien über Europa über Konstantinopel bis nach Jerusalem gepilgert. Selbstverständlich können sich auch Männer auf den Weg begeben – aber speziell Frauen laufen hier seit 2005 jedes Jahr eine bestimmte Wegstrecke; Ziel im Jahr 2015 ist Jerusalem; 2011 geht es zwei Wochen lang durch Bulgarien.
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