Hintergrund
ART DÉCO
Der Stil zwischen den Kriegen!
Ein Stil eroberte die Welt: Im Art Déco drückte sich das Lebensgefühl der Zeit aus, als die Moderne nach dem Ersten Weltkrieg ihren Siegeszug begann. A&W-Sinnesexpertin Marion Vorbeck begab sich auf Spurensuche.
Paris, 1925. Man war der Verspieltheit und des Überladenen der französischen Variante des Jugendstils, der Art Nouveau, bereits überdrüssig, da öffnete die Ausstellung „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ ihre Tore. Was dem interessierten Publikum da an Kunstgewerbe gezeigt wurde, war endlich allen überflüssigen Tands entschlackt – ein Kontrastprogramm zu den bisher bekannten Jugendstilobjekten. Eben diese Arts Décoratifs, kurz: Art Déco, sollten später für den Stil übernommen werden, der auch als Style Moderne bezeichnet wurde. Der neue Stil mit seiner auf klar-elegante Linien, funktionales Design und kostbare Materialien reduzierten Ästhetik sollte bald das Leben in all seinen Facetten widerspiegeln: im Kunstgewerbe, in Kunst und Architektur, in der Einrichtung, der Mode, dem Schmuck.
Die Zeit zwischen den Weltkriegen ist eine ambivalente Epoche, geprägt von Existenzangst, aber auch von wilden Partys, mit denen sich die oberen Zehntausend vom drohenden Unheil ablenken: Eine Atmosphäre, die erst den gesellschaftlichen Wandel seit den Goldenen Zwanzigern möglich machte und den Aufbruch in die Klassische Moder- ne. Provokateure wie Pablo Picasso mischten die Kunstwelt auf, Otto Dix attackierte mit seinen gesellschaftskritischen Bildern die konservative Schicht, Berthold Brecht wurde von Rechten attackiert, selbstbewusste Frauen gingen einem Beruf nach, rauchten und tranken in der Öffentlichkeit.
Im deutschsprachigen Raum kündigt sich Art Déco bereits viel früher an, und zwar in den Wiener Werkstätten. Die hatten die Secessionskünstler Josef Hoffmann und Koloman Moser 1903 gegründet. Die Wiener Secession gilt als eine Variante des Jugendstils, der dort weit weniger üppig und verspielt war als etwa Art Nouveau in Paris. Ihr eher puristisches Möbeldesign wie auch die Architektur eines Otto Wagner bestechen durch eine klare und schlichte Formensprache. Ihre Inneneinrichtungen für Banken oder Privathäuser in Wien waren somit Vorreiter des in den 20er und 30er Jahren vorherrschenden Art Déco.
Mittelpunkt des Art Déco blieb jedoch Paris, das schnell in Ausstellungen, aber auch ganz profan in Einrichtungshäusern en vogue wurde und so bald Einzug in den Alltag mit seinen Möbeln, Porzellan- und Keramikdekor, Stoffen, Plakaten, sogar bei Bucheinbänden fand. Pretiosen wie die kostbaren Vasen, aber auch Schmuck von René Lalique und seinen Kollegen machten Karriere, in Deutschland gaben das Weimarer Bauhaus und die Zeichenakademie Hanau den Ton bei zahlreichen Entwürfen an. Auch in der Mode setzte sich der neue Stil durch. Die neuerdings emanzipierten Frauen hatten die langen unpraktischen Röcke satt und ersetzten sie durch unkomplizierte Kleider. Wer sich etwas traute, eiferte den Filmstars Greta Garbo und Katherine Hepburn nach und gab sich ebenfalls einen maskulin-mondänen Touch in Hosen und Smoking. Den flott gestylten Bubikopf schmückte Frau mit kunstvoll gearbeiteten Kämmen – selbstredend ebenfalls im Art-Déco- Stil.
Der Zweite Weltkrieg machte dem luxuriöse Lebensart ausstrahlenden Art Déco in Europa den Garaus. Nur in Übersee überlebte der Stil glücklicherweise noch länger. Bereits in den 1920er und 1930er Jahren war das Design in den USA angekommen, wo es bald die Architektur wie etwa das Chrysler Building und das Highliner Diner in New York um 1930 beeinflusste, aber auch Musical- und Filmausstattungen. Bis in die Fifties behauptete sich der Stil in den kreativen Zentren Hollywood und New York.
A&W-TIPP
Weiterbilden im Bröhan-Museum
Landesmuseum für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus (1889–1939), Schlossstraße 1a, 14059 Berlin, Telefon 030/326 906 00, Fax: 030/326 906 26, eMail: info@broehan-museum.de Aktuelle Sonderausstellung bis 9. Oktober 2011: FrauenSilber. Paula Straus, Emmy Roth & Co., Silberschmiedinnen der Bauhauszeit. Art Déco geballt finden Touristen in Miami Beach im Art Déco District mit zahlreichen aufwändig restaurierten Gebäuden. Aus so manchen dieser Häuser wurden Hotels, Restaurants oder Cafes, in denen die Epoche wieder auflebt, etwa im Albion Hotel, Colony Hotel oder im Hotel Victor am South Beach. Touren können über das Art Déco Welcome Center im District selbst gebucht werden (1200 Ocean Drive).
A&W-DOKU
Stilformen um 1900 – eine Auswahl
Jugendstil entstand Ende der 1880er Jahre in Deutschland als „Jugendstil“, als „Art Nouveau“ in Frankreich und Belgien. Typisch sind florale Ornamente, die auch auf Gebrauchsgegenständen Einzug halten. Das Art Déco beeinflusst das Design von Gebrauchsgegenständen und die Architektur gleichermaßen. Klare Linien und ein oft geometrisches, kostbares Dekor kennzeichnen den Stil. Funktionalismus: Mit Beginn der industriellen Produktion fordern zahlreiche Künstler, ästhetische Gestaltungsprinzipien sollen hinter die Funktionalität treten („Form follows Function“).
A&W-GEWINNSPIEL
Unter allen Einsendungen …
… unter dem Stichwort „Art Deco“ verlosen wir anregenden Lesestoff. Das Teilnahmeformular finden Sie auf der A&W-Homepage unter www.auw.de/gewinnspiel. Einsendeschluss ist der 15. September 2011. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
1.Preis: Die Leser von Alastair Duncan, einem der angesehensten Fachleute zum Thema Art Déco und Ex-Christie’s-Mitarbeiter, gehen nach eingehender Lektüre seiner Bücher glatt selbst als Experten durch. In seinem üppig gestalteten Bildband „Art Déco“ (Verlag: Collection Rolf Heyne, Wert 150 Euro) beschäftigt sich Duncan mit dem Stil der 20er und 30er Jahre, der sämtliche Bereiche des Lebens umfasste. Er lässt Art Déco als Sinnbild der Moderne aufleben, stellt seine Künstler und die Objekte vor.
2. Preis: Einen Überblick über die angewandten Künste des Mittelalters und der Renaissance gibt der prachtvolle Band „Decorative Arts from the Middle Ages to the Renaissance“ (Taschen Verlag, Wert 99,99 Euro): Die kommentierte Neuausgabe bietet den vollständigen Nachdruck der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erschienenen Publikation „Kunstwerke und Geräthschaften des Mittelalters und der Renaissance“ – ein Blick in die Schatzkammern Europas vom 9. bis zum 16. Jahrhundert.
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