Aktuelle Ausgabe
Bedarfsplanung
Milliarden für den Exodus
Bis zu 12.000 Arztsitze braucht‘s laut GKV-Prognos-Studie angeblich gar nicht. A&W-Redakteur Peter Leveringhaus entlarvt die Studie als gar nicht plausibel und erklärt, warum das Spiel mit veralteten Zahlen gefährlich ist.
Die Botschaft des GKV-Spitzenverbandes klang dramatisch: „Bis zu 12.000 Arztsitze“ in Deutschland seien für die Versorgung schlicht überflüssig, behauptete der Verband jüngst. So viele Arztsitze könnten die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) laut Gutachten des schweizerischen Prognos-Instituts aufkaufen, „ohne dass die Versorgung für Patienten beeinträchtigt werden würde“.
Die KVen, so die GKV-Vorstellungen, sollen also Geld aus ihrem Budget für die Gesundheitsversorgung ausgeben – damit es weniger Gesundheitsversorgung gibt. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, bringt diesen Irrwitz auf den Punkt: „Wie können die Kassen in den vielen fraglos unterversorgten ländlichen aber auch städtischen Regionen weiterhin 15,5 Prozent Beitrag von den Menschen kassieren, ohne ihnen dafür eine medizinische Versorgung bereit zu stellen?“ Der Studie zufolge sollen die KVen für den Praxenaufkauf bis 2016 zwischen 450 Millionen und 1,5 Milliarden Euro aufwenden – abhängig von der Altersgrenze der aufgebenden Inhaber (62 bis 68 Jahre) und dem jeweils angestrebten, abzusenkenden Versorgungsgrad (130 oder 110 Prozent).
Selbst wenn man diese Forderung unterstützt, stellt sich die Frage, ob die Berechnungen überhaupt plausibel sind. Doch weder die GKV-Pressemitteilung noch die Zusammenfassung der Untersuchung erwähnen, dass die aktuelle „Studie“ auf antiquierten Zahlen der Bedarfsplanungs-Richtlinie aus den 1990er Jahren basiert. Diese wichtige Information findet sich in der Studie lediglich in einer Fußnote versteckt. Immerhin räumen die Autoren in der vollständigen Fassung der Studie selber ein, dass die Berechnungsgrundlage nicht mehr passt, weil die Bevölkerung zwischenzeitlich im Durchschnitt gealtert ist und somit die „Nachfrage nach ärztlicher Versorgung steigen lässt“.
Aus Sicht der Hausärzte ist die Forderung des GKV-Verbandes erst recht unbegründet, ja sogar schädlich. Denn die Studien-Autoren müssen ebenso eingestehen, dass die „wohnortnahe hausärztliche“ Versorgung nicht nur „in strukturschwachen, ländlichen Regionen in den östlichen Bundesländern bedroht“ ist. Auch etwa in fast jedem fünften Planungsbereich in Niedersachsen gebe es bereits „zwischen zehn bis 25 Prozent“ weniger Hausärzte als vereinbart. Doch über diese wichtigen Details der eigenen Studie schweigt der GKV-Spitzenverband.
Bedarfsplanung – wenn man sie überhaupt für sinnvoll hält – braucht also wenigstens realistische Zahlen. Die KV Hessen etwa ist gerade dabei, in ihrer Studie „Versorgung heute“ zu beleuchten, ob und vor allem, wo genau es eine Überversorgung oder einen Mangel an Hausärzten gibt. Beziehungsweise ob dieser möglicherweise bevorsteht. Verwendet wurde dafür die Bedarfsplanung vom April 2010. Das Ergebnis: In gerade Mal fünf von insgesamt 26 Kreisen gibt es nennenswerte Überversorgung (deutlich über 110 Prozent), in acht weiteren liegt die Versorgung unter 112 Prozent.
Aber: In der Hälfte aller Kreise (zehn Landkreise und die Städte Offenbach, Kassel und Darmstadt) ist der Anteil der älteren Ärzte (50 bis 59 Jahre und älter) bereits so hoch, dass dort künftig überdurchschnittlich viele Praxisnachfolger benötigt werden. Es zeichne sich bereits jetzt ab, „dass es in den nächsten Jahren einen enormen Wiederbesetzungs-Bedarf an Hausärzten geben wird“, heißt es in der Studie der KV Hessen.
Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, rechnet ergänzend vor, dass nicht nur wegen der steigenden Nachfrage nach gesundheitlichen Leistungen einer durchschnittlich immer älter werdenden Bevölkerung künftig vielerorts Ärztemangel droht. Denn der medizinische Nachwuchs wolle mehr denn je Familie, Beruf und Freizeit in Einklang bringen: Teilzeitstellen, Familiengründungen und Vorruhestandsregelungen seien heute stärker gefragt. Das Ergebnis sei ein faktischer Mangel trotz höherer Arztzahlen. Im Jahr 2000 entsprachen 1.000 Ärzten etwa 840 kurativen Vollzeitstellen. Mit 1.000 Ärzten des Jahrgangs 2010 seien aber nur noch 660 dieser Stellen zu besetzen. „1.000 ausscheidende Ärzte kann man heutzutage – optimistisch gerechnet – nur noch durch 1.330 junge Kolleginnen und Kollegen ersetzen“, sagt Ärztekammer-Präsident Windhorst.
Die Studie der KV Hessen verdeutlicht darüber hinaus einen weiteren wichtigen Aspekt: Dass nämlich innerhalb eines vergleichsweise überschaubaren Planungsraumes wie etwa einem Landkreis oder einer Stadt die Auslastung von (Haus-)Arztpraxen stark unterschiedlich sein kann. Nimmt man etwa den nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis, zeigt sich, dass die Hausärzte in insgesamt neun von 27 Postleitzahlgebieten an den Rändern des Landkreises durchschnittlich 30 bis 60 Prozent mehr oder sogar über 60 Prozent mehr Patienten versorgen. Dagegen versorgen die Hausärzte an vier anderen, ebenfalls an den Rändern des Kreises liegenden Regionen durchschnittlich bis unterdurchschnittlich viele Patienten.
Für dieses Phänomen gibt es eine Reihe : Pendler suchen beispielsweise lieber eine Praxis in der Nähe ihres Arbeitsplatzes auf. Oder sie vertrauen besonders einem bestimmten Arzt, der weiter von ihrem Wohnort entfernt seine Praxis hat. Und noch hält sich auch bei manchen Vertretern der Regierungskoalition die Auffassung, dass dieser assymetrisch verteilten Patientennachfrage am besten durch noch mehr Zulassungsbeschränkungen beizukommen sei. Vor allem die Ärzteverbände warnen, dass mit einer noch kleinteiligeren Zuschneidung der Versorgungsregionen nichts gewonnen sei – höchstens würde der bürokratische Regelaufwand noch höher. In jedem Fall, so der Hausärzteverbands-Vorsitzende Weigeldt, würden Praxisschließungen viele Patienten zu einem Wechsel ihrer vertrauten Praxis zwingen. Bedarfsplanung gehe immer zulasten der Wahlfreiheit: sowohl der Ärzte wie auch ihrer Patienten.
Mit Spannung werden nun in den kommenden Wochen die parlamentarischen Verhandlungen über das Versorgungsstrukturgesetz erwartet, dessen Entwurf Anfang dieses Monats im Kabinett verabschiedet werden sollte. Mehr Flexibilität in diesem Sektor hat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr versprochen. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, fand diesbezüglich in einem Interview vor kurzem lobende Worte für den Referentenentwurf aus dem Ministerium. Demzufolge sollen die Zulassungsausschüsse der KVen „von den sehr starren Richtlinien zur Bedarfsplanung abweichen können“. Doch wie weit diese Ausnahmeregelungen reichen sollen, scheint noch nicht klar.
A&W-Kommentar
Die Prognos-Studie des GKV-Spitzenverbandes ist eine klassische Blendgranate. Mitten in der unangenehmen Diskussion um insolvente Krankenkassen, die am Markt versagt haben, muss Ablenkung her. Und sei‘s durch Studien mit absurden Berechnungsgrundlagen. Sündenbock sollen einmal mehr die Ärzte sein, von denen es angeblich zu viele gibt. Die Versorgungswirklichkeit sieht in der Mehrheit der Praxen – volle Wartezimmer, lange Arbeitszeiten des Personals – anders aus. Und das weiß auch der GKV-Verband ganz genau.
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