Hintergrund

EIGENEINRICHTUNGEN

Praxis auf Probe

Andreas Schwenn in „seiner“ Praxis. Den Sprung in die Selbstständigkeit hat er nicht bereut.

27.10.2011 –  

Eine Niederlassung – jungen Ärzten ist die wirtschaftlich oft zu riskant. Das Modell der Eigeneinrichtung könnte da beim Einstieg eine Alternative sein. A&W-Redakteur Peter Leveringhaus sah sich einen Fall in Gotha genauer an.

Andreas Schwenn verschnauft kurz in seiner Praxis in der Gothaer Innenstadt. Mittagspause. Der „Laden“ brummt, 1.000 Patienten im Quartal, sagt der 47-Jährige. Eine sichere Existenz also. Dabei wollte Schwenn anfangs gar nicht Niedergelassener sein. Diese Sicht hat sich schnell geändert. Und gründlich.

„Ich war 15 Jahre Truppenarzt bei der Bundeswehr, zuletzt in Thüringen“, sagt der gebürtige Berliner. Dann wollte er eine andere Tätigkeit – nur kein Krankenhaus mehr: „Da blieb nur die Niederlassung. Einen Kredit wollte ich auf eine ungewisse Zukunft hin aber nicht auf- nehmen.“ Da kam dem risikokritischen Mediziner das Angebot der Eigeneinrichtung der KV Thüringen gerade recht.

Der Clou des Modells (siehe auch Interview): Die KV selbst organisiert die Praxisgründung, unterstützt die mühsame Suche nach Räumen, Ausstattung, Personal. Und vor allem: Bis zu zwei Jahre lang finanziert sie den Betrieb. Der Arzt ist mit festem Gehalt angestellt, bis er kündigt oder die Praxis übernimmt. 2008 startete Schwenn – ein sportlicher, smarter Typ mit schnörkelloser, klarer Ansprache. Die Patienten kamen sofort und blieben. „Ein Jahr habe ich mich eingearbeitet. Dann war mir klar, dass ich die Praxis der KV problemlos abkaufen kann.“ Das bedeutet: Der KV die Starthilfe zurückzahlen. Gesagt, getan: „Das bedeutet natürlich auch Arbeitstage mit bis zu zwölf oder 14 Stunden. Morgens um acht stehen schon 20 Patienten bei mir vor der Tür. Freizeit habe ich kaum und meine Familie sehe ich auch zu selten.“

Das GKV-Gesundheitsstrukturgesetz sieht das Modell der Eigeneinrichtung als Maßnahme gegen den Ärztemangel vor. 2012 soll es in Kraft treten. So lange konnte man in Thüringen nicht warten, zumal die Länder-KVen dazu bereits berechtigt sind. „Also begannen wir mit Eigeneinrichtungen bereits 2004“, sagt Matthias Zenker, Sprecher der KV Thüringen. In seinem Bezirk war und ist der Druck nämlich besonders groß: Die Bevölkerung hat laut BarmerGEK im Bundesdurchschnitt die zweithöchste Morbidität nach Sachsen. Und: „Gut jeder vierte Hausarzt (26 Prozent) im Land ist über 60 Jahre“, rechnet Zenker vor.

Landesweit gibt es bislang erst eine zweite Eigeneinrichtung, in der sich ein Arzt oder mehrere Ärzte selbstständig machen. Die zweite wird Ende des Jahres übernommen – durch junge Österreicher. KV-Sprecher Zenker folgert: „Unserer Erfahrung nach bedarf es einiger Zeit, bis das Modell angenommen wird.“ Oder anders ausgedrückt: Es müssten eigentlich deutlich mehr sein, die sich für die „Niederlassungsfahrschule“ entscheiden, wie Zenker es nennt. Weit über 200 Hausärzte fehlen in Thüringen – noch sind rund 1.500 niedergelassen.

Bislang ist Thüringen das einzige Bundesland, das mit diesem Modell arbeitet. Es dürfte aber für andere Länder durchaus ein Modell sein, denn selbst mit Niederlassungsprämien – wie sie etwa in Sachen-Anhalt oder Sachsen gezahlt werden – verschwindet das Problem der Startfinanzierung nicht, von organisatorischen Anforderungen mal abgesehen.

Schwenn hat seine Entscheidung nicht bereut: „Für diejenigen, die den Schritt in die Selbstständigkeit nicht sofort wollen, ist das eine wertvolle Unterstützung und kann das richtige Sprungbrett sein.“


A&W-KOMPAKT

Eigeneinrichtungen erprobt …
… bundesweit bislang nur die KV Thüringen als Modellmaßnahme gegen den zunehmenden Ärztemangel. Andere Bundesländer versuchen es etwa mit Prämien für Niederlassungswillige. Die Eigeneinrichtung hat im Vergleich dazu mehrere Vorteile: Die Praxisanfänger müssen nicht finanziell in Vorleistung gehen, sie können als Angestellte ohne Druck den Praxisalltag kennenlernen und sie bekommen in der wichtigen Anfangsphase in den Arbeitsbereichen Verwaltung und Organisation viel von der KV abgenommen.

A&W-INFO-DIREKT

Weiterführende Links im Internet:
www.kv-thueringen.de/eeth.html
www.kv-on.de/html/329.php



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