Hintergrund
A&W-INTERVIEW
„Diagnostische Hausbesuche sind nötig!“
Prof. Dr. med. Hans Gutzmann, Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Krankenhaus Hedwigshöhe in Berlin-Köpenick und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie
Bei der Diagnose von Demenzkranken müssen Hausärzte dazulernen – aber sie müssen auch mehr Möglichkeiten bekommen, fordert der Mediziner Prof. Dr. Hans Gutzmann im Gespräch mit A&W-Autor Peter Leveringhaus.
Sind genügend Hausärzte für die Diagnose von Demenzen hinreichend weitergebildet?Die Hausärzte sollten häufiger die Symptomatik ernst nehmen und weniger auf das Alter als einzige Begründung von kognitiven Beschwerden verweisen. Auch insgesamt ist das hausärztliche Wissen in diesem Bereich angesichts der steigenden Zahlen der Demenzpatienten nicht ausreichend.
Wie müssen Verbesserungen aussehen?
Die Bemühungen, die Kompetenzen zu verbessern sind vielfältig. Die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie hat eine zertifizierte Weiterbildung für Hausärzte entwickelt, in der unter anderem vermittelt wird, dass es neben pharmakologischen Interventionen auch andere wirksame Interventionen für Demenzkranke gibt. Das ist eigentlich eine sehr frohe Botschaft, heißt aber auch zugleich, dass man das Wissen um diese Interventionen befördern muss.
Sind die hausärztlichen Leistungen im Bereich Demenz denn im EBM hinreichend abgebildet?
Die Komplexität der Leistungen findet sich im Bereich der EBM-Ziffern eindeutig nicht angemessen wieder. Immerhin, es gibt vergütete Screenings. Das ist ein Anfang, aber eben nicht mehr. Die diagnostischen Möglichkeiten gezielter Hausbesuche etwa, sind darin bislang nicht hinreichend abgebildet. Es gibt vereinzelt Schwerpunktpraxen, doch eine verbreitete Kenntnis dessen, was an Möglichkeiten gegeben ist, haben wir im hausärztlichen Sektor in Deutschland nicht.
Welche hausärztliche Leistung wird künftiger für Demenzpatienten wichtiger werden?
Wir werden viel mehr unterstützende Angebote für Angehörige genauso wie für Patienten benötigen. Hier wird erheblich zu wenig gemacht, denn die Pflege von Demenzkranken ist auch ein gesundheitlicher Risikofaktor für die pflegenden Angehörigen. Zahlen belegen, dass die Angehörigen durch diese Belastung nicht nur häufiger depressiv erkranken, sondern auch ein deutlich erhöhtes Risiko für somatische Erkrankungen haben. Wenn wir die Angehörigen durch Hausärzte besser unterstützen, hilft dies unmittelbar auch den Demenzpatienten.
Wer ist hier gefragt, damit zusätzliche Leistungen auch honoriert werden?
Der Gesetzgeber, die ärztliche Selbstverwaltung. Der Hausarzt ist in aller Regel der wichtigste Behandler. Das muss von den KVen als wesentliche Aufgabe berücksichtigt werden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein diagnostischer Hausbesuch, wenn er vernünftig im Honorarkatalog abgebildet wäre, häufiger genutzt würde. Beim Hausbesuch klären sich leichter wichtige Fragen wie etwa: Gibt es Zeichen der Verwahrlosung? Droht der pflegende Partner als wichtige Stütze auszufallen? Und: Durch präventive Hausbesuche könnte man weiteren Hilfebedarf ermitteln und versuchen, zusätzlichen Problemen vorzubeugen.
Hat die Demenzerkrankung einen angemessenen Stellenwert im Leistungskatalog des Gesundheitswesens?
Die UN hat jüngst Demenzen als gleich wichtige Erkrankungen wie beispielsweise Diabetes, Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen eingestuft. Dies muss als Anstoß zur Entwicklung entsprechender Programme auch bei uns in Deutschland genutzt werden. Frankreich und Norwegen haben es uns vorgemacht.
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